Schwergewichtige Patienten

RW Schwergewichtige Patienten

Der Anteil an schweren und sehr schweren Patientinnen und Patienten hat in den letzten Jahren im Rettungsdienst stark zugenommen. Es handelt sich nicht mehr um Einzelfälle, sondern um Standardsituationen, die tagtäglich vorkommen.

Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland übergewichtig sind, das heißt einen Body-Mass-Index über 25 aufweisen – mit zunehmender Tendenz. Ab einem BMI von 30 spricht man von einer Adipositas. Diesen weisen etwa 21 % der erwachsenen Bevölkerung auf.

Für den Rettungsdienst ist aber nicht der BMI von entscheidender Bedeutung, sondern das tatsächlich zu transportierende Gewicht der Patientin bzw. des Patienten – zuzüglich des Gewichts des Tragestuhles oder der Trage! So kommt man bei einer Patientin bzw. einem Patienten mit 80 kg und einem Gewicht von 20 kg für das Transportgerät schnell auf 100 kg Gesamtgewicht.

Wird dieser Transportvorgang von zwei Personen durchgeführt, ggf. aus dem Hinterhaus, dem vierten Obergeschoss eines Wohngebäudes mit engem Treppenhaus, sind die Belastungsgrenzen berechnet nach der Leitmerkmalmethode weit überschritten. Jede Person trägt rechnerisch 50 kg, was jedoch faktisch nicht stimmt, da sich das Gewicht beim Gehen und Treppensteigen ständig ändert und nicht gleichmäßig auf beide Trägerinnen bzw. Träger verteilt.

Des Weiteren spielt auch die Körpergröße der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Rolle und wer von beiden vorne bzw. hinten geht. Das heißt, es kommt in bestimmten Situationen zu weit höheren Belastungen.

Ist aufgrund der Abfrage nach dem dort vorgeschlagenen Schema von einer schwergewichtigen Patientin bzw. einem schwergewichtigen Patienten auszugehen, müssen folgende Punkte beachtet und bewertet werden:

  • Wie schwer ist die Patientin bzw. der Patient? Das Gewicht kann in vielen Fällen nur geschätzt werden.
  • Welche Gewichtsgrenzen/Belastbarkeitsgrenzen haben die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel (sichere Arbeitslast)?
    • Fahrtrage/Fahrgestell der Fahrtrage
    • Transportstuhl/Transportsessel
    • Evakuierungsstuhl
    • Vakuummatratze (Griffe)
    • Rollbrett
  • Wie hoch darf die maximale Zuladung des Transportfahrzeugs sein? Hierzu muss das Fahrzeugleergewicht bekannt sein. Hinzuzurechnen sind dann das Patientengewicht und das Gewicht der mitfahrenden Personen!

Da es keine allgemeingültige Definition „schwergewichtige Patientin“ bzw. „schwergewichtiger Patient“ oder eine bestimmte Gewichtsgrenze gibt, muss in jedem Einzelfall entschieden werden, ob das normale Einsatzequipment ausreichend ist oder ob mit speziellen Hilfsmitteln gearbeitet werden muss.
Vor allem muss aber überlegt werden, ob die Patientin bzw. der Patient überhaupt von zwei, drei oder vier Personen getragen werden kann. Dies muss in den meisten Fällen verneint werden, sodass eine erweiterte Strategie zum Einsatz kommen muss.

Unter dem Menüpunkt „Einsatzorganisation“ finden sich hierzu erste allgemeine Hinweise.

  • Welches Krankenhaus im Umkreis kann schwergewichtige Patientinnen und Patienten bis zu welcher Gewichtsobergrenze aufnehmen? Gibt es eine auf diese Patientinnen und Patienten spezialisierte Klinik in erreichbarer Nähe?
  • Gibt es Möglichkeiten, dass die Patientin bzw. der Patient nicht getragen werden muss, sondern anderweitig zum Fahrzeug transportiert werden kann?
  • Wie viele Personen stehen ansonsten als Tragehilfe zur Verfügung? Ist dies ausreichend?
  • Wie viele Personen müssen nachgefordert werden? Welche Vorlaufzeiten sind zu beachten?
  • Werden zusätzliche Rettungsmittel mit höherer sicherer Arbeitslast benötigt?
  • Wird ein Spezialfahrzeug zum Abtransport benötigt?
  • Wie ist die Treppensituation einzuschätzen? Handelt es sich um ein älteres Gebäude oder um ein Treppenhaus mit Holztreppen, ist auch die Frage nach der Statik und der maximalen Belastbarkeit der Treppe zu stellen.
  • Muss über einen anderen Weg (Balkon, Fenster…) evakuiert werden?
  • Werden hierfür Sonderfahrzeuge benötigt?
  • Wie viel Gewicht kann der Korb einer ggf. einzusetzenden Drehleiter bis zu welcher Neigung aufnehmen?
Stand: 03/2014